Ein kurzes Intermezzo mit EVE
29 03 2009Ein Großteil meiner Arbeitskollegen spielt EVE Online, ich fand’s interessant und hab’ mich überreden lassen. Der Ersteindruck war “Wow!” – das Spiel ist für SciFi-Fans ein absoluter Traum. Man warpt durch Sonnensysteme, besucht imposante Raumstationen, benutzt “Stargates” um zwischen den hunderten Sonnensystemen zu wechseln. Es gibt einen komplett offenen Markt, es gibt so gut wie nichts was man von NPCs bekommt, nur Spieler können items herstellen und verkaufen – mit anderen Worten, das Spiel wird komplett von Spielern reguliert. Hier sind wir dann aber auch schon bei’m ersten problematischen Punkt angekommen, denn was sich in der Theorie wahnsinnig interessant anhört ist in der Praxis nichts anderes als in ein Spiel verschobene Arbeitsroutine. Es gibt sogar einen echten Aktienmarkt für spielergeführte Corporations, ganze Kriege zwischen diesen riesigen, Spielergeführten Unternehmen die Sonnensysteme in’s Chaos stürzen und politische Machtkämpfe mit sich bringen. Von einigen meiner Kollegen werde ich für die folgende Aussage sicherlich den Bösen Blick kassieren, aber das ist es mir wert:
EVE Online ist ein Spiel für BWLer aus Überzeugung mit übersteigertem Geltungsbedürfnis.
Ja, auch ich darf mal polemisch werden und verallgemeinern =P
Aber ganz im Ernst – ich habe eine Woche gespielt und war soweit das ich ein paar Missionen fliegen kann, eventuell etwas PvP machen, aber in Erster Linie minen konnte. EVE setzt hierbei auf ein Prinzip, das ich so bisher nur von Browsergames kannte. Egal was man machen will, man braucht einen Skill dafür. Man möchte sein Schiff mit einer Waffe ausrüsten? Skill. Man möchte schneller fliegen? Skill. Man möchte aktiv handeln? Skill. Das wäre ja alles in Ordnung wenn es ein leistungsbasiertes Leveling gäbe, wo man sich 3 Stunden hinhockt, Kleinigkeiten erledigt und genug Erfahrung anhäuft um die nächsten skills zu lernen. Aber bei EVE gibt es keine Level. Nur Skills. Klingt gut? Nicht wirklich.
Skills brauchen Zeit um sie zu lernen. Ein Stufe 1 Skill braucht z.B. nur 10 Minuten um erlernt zu werden. Ein Stufe 2 Skill? 30 Minuten. Ok. Geht. Stufe 4? Ok… da kommen wir langsam bei Tagen an. Level 5? Fragt lieber nicht.
Dann gibt es da noch Multiplikatoren. Gehört man z.B. einer bestimmten Rasse, und in dieser Rasse einer bestimmten Kaste, so hat man Vor- und Nachteile beim lernen. Ein Gallente-Pilot hat es z.B. relativ schwer wenn er ein Minmatar-Schiff fliegen möchte, da wird glatt mal eben auf alles ein Multiplikator von 3 (exemplarisch) geklatscht. Sprich – die dreifache dauer. Spätestens wenn man dann bei Stufe 4 Skills angekommen ist, tut das richtig weh. Ach, habe ich schon erwähnt das Skills gelayerd sind? Sprich – viele Skills die man braucht setzen andere Stufe 4 oder 5 Skills vorraus um sie überhaupt lernen zu können. Und habe ich schon erwähnt das man Skills für teils viel, viel Geld kaufen muss…?
Und da ist man bei EVE eigentlich auch beim Kernproblem angekommen. Man spielt um skillen zu können, und um sich das skillen leisten zu können muss man arbeiten. Nach einer Woche hat man sein erstes großes Schiff, schaut wo’s weitergeht – und sieht das man alleine 20 Tage stur auf’s Ziel hinskillen muss, nur um die nächste Stufe zu erreichen. Dabei eingezählt sind noch nicht die unzähligen kleinen Skills von denen man erst mittendrin erfährt das man sie erlernen sollte / muss, um effektiv spielen zu können. Meine Güte, man muss Skills lernen welche die Dauer des Lernens anderer Skills verkürzen um am Ende nur 128 Tage skillen zu müssen, statt 150 Tage (nein, das sind keine künstlich erhöhten Zahlen. Und die wirklich guten Schiffe brauchen weitaus länger). Man skillt also quasi Skills um die Skillzeiten anderer bzw. sogar der gleichen Skills zu reduzieren. So skillt man 15 Tage lange Lernskills um später 20 Tage weniger auf der Gesamtrechnung zu haben. 5 Tage gespart. Toll, oder?
EVE wird auch gerne als technisches Wunderwerk bezeichnet. Warum? ALLES findet auf einem Server statt. Es gibt ein einziges, riesiges Universum in dem teilweise über 50.000 leute parallel eingeloggt sind. Das hört sich aber nur solange imposant an, bis man mitkriegt das überdurchschnittliche viele Spieler mehrere Accounts haben. Warum? Nun – man kann pro Account zwar drei aktive Charaktäre haben, aber nur ein einziger Char kann zu jeder Zeit einen Skill lernen (!). Das einschlagen einer einzigen Karrierebahn ist schon zeitaufwändig genug – wer dann noch eine zweite möchte, um etwas Abwechslung reinzubringen, wird hier dann an die Grenze des machbaren stoßen. Die naheliegendste Lösung? Man besorgt sich einen zweiten Account. Ein mir bekannter Spieler hatte vier Accounts. Jeder Account 15 Euro im Monat. Warum? Um vernünftig spielen zu können. Die meisten Guides für EVE-Spieler schlagen zwar nicht direkt vor sich mehrere Accounts zuzulegen, suggerieren es aber recht deutlich. Der Ersteller des Mining Guides den ich benutzt habe hatte meines Wissens nach fünf Accounts. FÜNF.
Das macht EVE Online zu etwas, was gemeinhin als Spreadsheet-Game bezeichnet wird. Wer gerne Stunden mit dem minutiösen planen seines Werdegangs verbringt, wird EVE Online lieben. Wer gerne 15 Euro im Monat bezahlt um ein Spiel im Hintergrund laufen zu haben, damit der Char gerade genug Geld verdient um noch mehr Zeit in das lernen von Skills stecken zu können, an denen er aktiv überhaupt nicht beteiligt ist, wird EVE lieben. Wer eine Wirtschaftssimulation mit eigenem, echtem politischem System im SciFi Setting sucht wird von EVE nie mehr wegkommen. Cool ist auch das man sich für 80 Millionen ISK (nach einem Monat spielzeit eine läppische Summe, bei Goldsellern kosten 100 Mio ISK rund 5 US-Dollar) quasi einen Monat Spielzeit kaufen kann – wer wirklich weit gekommen ist kann also quasi umsonst spielen, und große Corporations vergeben sogar Freimonate an Mitglieder.
Meine Kollegen lieben dieses Spiel, und meine Kollegen sind eigentlich durch die Bank weg völlig normal verrückte Leute, wie jeder andere auch. Wenn da Spiel nicht so eine Zeitfalle wäre – meine Fresse, was hätte ich es geliebt. So viel Liebe zum Detail muss man respektieren, das geht einfach nicht anders.
Aber leider fand’ ich es einfach furchtbar.
[...] 3.1, hab endlich S3D gepackt und logge eigentlich nur noch zum Raiden ein), habe mit EVE Online rumprobiert und stehe langsam kurz vor’m Ende in Drakensang, nachdem ich’s mir über Steam gekauft [...]